Vergangene Woche wurde der Luftraum über der US-Grenzstadt El Paso kurzfristig gesperrt. Trotz Zweifeln an der offiziellen Begründung weist der Vorfall auf ein wachsendes Sicherheitsproblem hin – und könnte den Konflikt zwischen Trump und Mexiko verschärfen.

Mexikanische Offizielle waren alarmiert, als sie am Mittwoch vergangener Woche erfuhren, dass der Luftraum über der US-Grenzstadt El Paso in der Nacht geschlossen worden war. Erst Anfang des Jahres hatte das Weiße Haus den Himmel über Caracas zur Verbotszone erklärt, kurz vor der Gefangennahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch US-Spezialkommandos.

US-Verkehrsminister Sean Duffy erklärte auf X, dass „Kartelldrohnen“ in den US-Luftraum eingedrungen und ausgeschaltet worden seien. „Die Bedrohung wurde neutralisiert.“ Wenige Tage später ließen Berichte an dieser Version erhebliche Zweifel aufkommen. Demnach hatte die Grenzschutzbehörde CBP mit Erlaubnis des Verteidigungsministeriums einen Anti-Drohnen-Laser an der Grenze getestet. Unter Berufung auf Regierungsquellen schrieb unter anderem die „New York Times“, dass der Laser ohne Absprache mit der Flugaufsichtsbehörde gegen eine vermutete Drohne eingesetzt worden war, die sich später als Partyballon herausstellte.

Selbst wenn bei dem Vorfall in El Paso keine Kartelldrohnen involviert waren, rückt er eine Sicherheitsdebatte in den Fokus, die das Verhältnis zwischen den USA und Mexiko derzeit belastet. Denn das US-Verteidigungsministerium und die Grenzschutzbehörde warnen seit Langem vor einer wachsenden Bedrohung durch Drohnen, die dazu benutzt werden, Drogen zu schmuggeln und die Grenzsicherung auszuforschen.

Hinzu kommt, dass US-Präsident Donald Trump seit Wochen damit droht, das US-Militär gegen Drogenkartelle in Mexiko einzusetzen. Regierungsvertreter machen zusätzlich Druck, um Spezialkräfte aus den USA an Einsätzen zur Zerstörung von Drogenlaboren zu beteiligen. Präsidentin Claudia Sheinbaum lehnt das bislang kategorisch ab und verweist auf die Souveränität ihres Landes. Eine aufgeheizte Debatte über Kartelldrohnen auf US-Territorium dürfte die Spannungen weiter verschärfen.

Durchschnittlich 326 Drohnenflüge – pro Tag

Im Juli legte Steven Willoughby, Leiter des Anti-Drohnen-Programms im US-Heimatschutzministerium, dem Kongress besorgniserregende Zahlen vor: In der zweiten Hälfte 2024 registrierten US-Behörden mehr als 60.000 Drohnenflüge im Umkreis von 500 Metern zur mexikanischen Grenze – durchschnittlich 326 pro Tag. Viele erfolgten nachts und in Höhen oberhalb der zulässigen Grenze von 400 Fuß (etwa 122 Meter). Allein in diesem Zeitraum beschlagnahmten die Behörden mehrere hundert Kilogramm Drogen.

Im Oktober fingen Beamte zudem eine Drohne ab, die knapp zwei Kilogramm Fentanyl-Tabletten über die Grenze schmuggelte. Die Droge wirkt 100-mal so stark wie Morphin und war in den vergangenen Jahren für den Tod Zehntausender Amerikaner verantwortlich.

Seit 2019 wurden mehr als 1.500 Personen festgenommen und mehrere Tonnen Drogen an der mexikanischen Grenze beschlagnahmt. Willoughby warnte mit Blick auf den Einsatz bewaffneter Drohnen durch mexikanische Kartelle eindringlich: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Amerikaner oder Strafverfolgungsbehörden in der Grenzregion ins Visier geraten.“

„Ich glaube nicht, dass dieser eine Vorfall die Lage zum Kippen bringt. Aber er hat die Sorgen im Zusammenhang mit Drohnen in den Fokus gerückt“, sagt Carin Zissis, Chefredakteurin beim New Yorker Council of the Americas, einer US-Wirtschaftsorganisation, die sich auf die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko spezialisiert hat. „Das heizt die Stimmung weiter an“, so Zissis, und könne als eines von mehreren Elementen dazu beitragen, dass Trump seine Ankündigung wahrmacht.

Kartelle nutzen Erfahrungen der Ukraine

Die Sicherheitsbedenken wachsen auch deshalb, weil sich Drohnen in den vergangenen Jahren vom improvisierten Hilfsmittel zum festen Bestandteil des Waffenarsenals der Kartelle entwickelt haben. Anfangs dienten sie vor allem zur Aufklärung. Inzwischen werden handelsübliche Geräte gezielt umgebaut und bewaffnet. Vor allem die mächtigsten Organisationen wie das Cártel de Jalisco Nueva Generacion (CJNG) und Teile des Sinaloa-Kartells setzen Drohnen ein, um Sprengsätze über gegnerischen Stellungen oder Sicherheitskräften abzuwerfen. In manchen Bundesstaaten sind solche Angriffe inzwischen Alltag.

Die Technik ist vergleichsweise günstig und schnell anzupassen. Höhenbegrenzungen werden entfernt, einfache Abwurfmechanismen montiert, die Einsätze als Machtdemonstration gefilmt und gezielt in sozialen Netzwerken verbreitet. Die Drohnen treffen aber nicht nur Rivalen und staatliche Kräfte, sondern immer wieder auch Zivilisten.

Parallel dazu wächst das technische Niveau. 2025 stellten mexikanische Spezialeinheiten mehrere militärtaugliche SkyFend-Anti-Drohnen-Systeme sicher. Die in China hergestellten Module können Drohnen stören, kapern oder manipulieren. Laut dem US-Thinktank Center for Strategic and International Studies kostet so ein System bis zu 100.000 Dollar. Das zeigt, wie sehr sich die Gruppen professionalisieren – nicht nur beim Angriff, sondern auch bei der Abwehr.

Auffällig ist außerdem, dass die Kartelle internationale Konflikte genau beobachten. Besonders der intensive Einsatz von FPV-Drohnen („First-Person-View") im Ukraine-Krieg gilt als Anschauungsunterricht. Ermittler mexikanischer und ukrainischer Behörden prüften bereits Berichte, denen zufolge mutmaßliche Kartellangehörige sich freiwillig Einheiten in der Ukraine anschlossen, um Erfahrungen im Kampfeinsatz mit Drohnen zu sammeln. Auch wenn dafür keine belastbaren Beweise gefunden wurden, verdeutlicht es die Sorge, dass Drogenkartelle militärisches Know-how aus Kriegsgebieten für ihre Zwecke nutzen.

Massiver Druck aus Washington

Seit seiner Amtsübernahme übt Donald Trump massiven Druck auf Mexiko aus und droht mit militärischen Schlägen gegen die Drogenkartelle. Präsidentin Claudia Sheinbaum reagierte darauf mit strategischem Kalkül.

Sie machte Washington gegenüber beträchtliche Zugeständnisse – darunter die Aufstockung der Grenztruppen um 10.000 Mann, die Auslieferung führender Kartellmitglieder, Importzölle gegen China und den Stopp mexikanischer Ölexporte nach Kuba. Doch wenn es um territoriale Integrität geht, ist ihre Position klar: Ausländische Streitkräfte auf mexikanischem Staatsgebiet bleiben für sie undenkbar. Kooperation ja, aber keine Aufgabe der nationalen Souveränität.

Im Fall El Paso wurde diese Position erneut deutlich. Sheinbaum wies die Behauptungen der Trump-Administration zurück. Sie sprach von „unbegründeten US-Vorwürfen“ und ergänzte: „Es gibt keine Informationen über Drohneneinsätze an der Grenze. […] Wir sehen das derzeit nicht als Problem.“ Die Präsidentin räumte Drohneneinsätze durch Kartelle im Inland ein, wies grenzüberschreitende US-Risiken aber zurück und betonte die Kooperation mit Washington.

Expertin: Drohnengefahr nicht überschätzen

Eine Kartell-Expertin bewertet diese Aussagen im Gespräch mit t-online gemischt. Cecilia Farfán leitet das Nordamerika-Programm der Global Initiative Against Transnational Organized Crime, ein Netzwerk, das Fachleute aus Strafverfolgung, Sicherheitsbehörden und Entwicklungszusammenarbeit zusammenbringt. Sie glaubt, dass US-Beamte die Bedrohung übertreiben, während mexikanische Offizielle sie unterschätzen.

Zwar könnten Drohnen dazu genutzt werden, Standorte von Sicherheitskräften entlang der Grenze auszuspähen, so Farfan, „doch man sollte vorsichtig sein, wie man die US-mexikanische Grenze darstellt. Sie ist kein rechtsfreier Raum, in dem kriminelle Gruppen ungehindert operieren können“. Das Potenzial des Drogenschmuggels per Drohne bewertet sie indes skeptisch. „Es wird deutlich mehr über legale Grenzübergänge eingeführt, allein schon, weil Drohnen zu große Aufmerksamkeit auf sich ziehen.“

Am Ende steht weniger die Frage, ob Kartelldrohnen tatsächlich die Grenze überflogen haben, sondern wie zerbrechlich der Status quo zwischen den beiden Nachbarländern ist. Der Vorfall von El Paso verdeutlicht, wie schmal der Grat zwischen nationaler Sicherheit und außenpolitischer Eskalation unter Donald Trump geworden ist.

Dieser Artikel erschien bei t-online.de am 17.02.2026