Die Zahl der illegalen Einreisen in die USA ist zuletzt stark gesunken – ein Ergebnis des harten Grenzregimes, das den Demokraten die Wiederwahl sichern soll. Auf der andren Seite, in Mexiko, zeigen sich die Konsequenzen.

Jorgi ist am Ende. Dabei war der Traum zum Greifen nahe, die Grenze zu den USA schon überquert. Doch nach einer kurzen Jagd, verfolgt von einer Drohne und Grenzschutzbeamten, war Schluss. Der junge Venezolaner und seine Gruppe wurden geschnappt, nachdem sie sich nahe der Stadt Piedras Negras durch die Strömung des Rio Grande gekämpft hatten, dem Grenzfluss, der Mexiko und den US-Bundesstaat Texas verbindet. Jetzt kauert Jorgi fast zweitausend Kilometer weiter südlich auf dem Asphalt, seinen Rücken an ein parkendes Auto gelehnt und stöhnt vor Erschöpfung.

Fast drei Tage und Nächte hat er mit anderen Migranten in einem Bus der mexikanischen Migrationsbehörde verbracht. „Niemand hat uns gesagt, wohin wir gebracht werden. Sie hielten nur immer wieder an, um noch mehr Menschen in den Bus zu laden“, berichtet er. Aussteigen durften sie erst wieder in der Industriestadt Villahermosa im mexikanischen Bundesstaat Tabasco, hinter den meterhohen Mauern der „Estacion Migratoria“, einer Art Ankunftszentrum für Migranten. Täglich rollen hier Reisebusse ein, voll mit Menschen, die auf dem Weg zur Grenze oder bei illegalen Übertritten aufgegriffen wurden. Sie in ihre Heimatländer abzuschieben ist entweder nicht möglich oder zu teuer, deshalb schickt sie die mexikanische Regierung tief in den Süden und hofft, dass sie es nicht noch einmal versuchen. Weil sie kein Geld mehr haben, oder keine Hoffnung.

Was in Villahermosa geschieht, ist eine direkte Folge des größten Projekts der Biden-Regierung. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen Anfang November hatte sich die Regierung zum Ziel gesetzt, die Zahl illegaler Grenzübertritte deutlich zu senken. 2023 hatte diese mit insgesamt 3,26 Millionen einen neuen Rekord erreicht und den scheidenden US-Präsidenten politisch schwer unter Druck gesetzt. In diesem Jahr ist die Zahl illegaler Grenzübertritte an der US-Grenze um 77 Prozent zurückgegangen. Lag sie allein im vergangenen Dezember noch bei dem Höchstwert von 249.741, betrug sie im vergangenen Monat 53.858.

Die harte Haltung Mexikos gegenüber Migranten ist ein zentraler, wenn auch nicht der einzige Grund für den starken Rückgang. Die US-Demokraten bemühen sich, angesichts der zunehmend migrationskritischen Stimmung im Land und unter dem Druck der Republikaner, eine deutlich restriktivere Politik durchzusetzen, um bei einem entscheidenden Wahlkampfthema zu punkten. Selbst die Zurückweisung von Asylsuchenden an der Grenze ist mittlerweile gängige Praxis und gilt als weiterer Beleg dafür, wie weit die Biden-Regierung mitsamt der demokratischen Präsidentschaftsbewerberin Kamala Harris von ihrer einst liberalen Haltung in der Einwanderungspolitik abgerückt ist.

Zahl der Asylanträge in Mexiko sinkt

Jorgi ist einer von vielen, bei denen die harten Maßnahmen Wirkung zeigen. „Wenn sie mir jetzt einen Rückflug nach Venezuela anbieten würden, ich stiege sofort ein“, sagt der 23-Jährige. Und das, obwohl Hyperinflation und Mangelversorgung in seiner Heimat herrschen und staatliche Gewalt und organisierte Kriminalität Millionen Menschen aus dem Land treiben. Abschiebungen in das Land haben die USA schon vor Monaten ausgesetzt. Ein weiterer Massenexodus steht bevor, seit sich Diktator Nicolás Maduro trotz erheblicher Unstimmigkeiten im Sommer erneut zum Wahlsieger der Präsidentschaftswahl erklärt hat.

Jorgi und den vielen anderen Menschen vor dem Busterminal in Villahermosa im Süden Mexikos steht eine schwere Entscheidung bevor. Sie können aufgeben und den langen Weg zurück in ihr Heimatland antreten. Sie können noch einmal die illegale Einreise in die USA und damit eine Abschiebung riskieren. Oder sie beantragen Asyl in Mexiko.

Das Land hat in den vergangenen Jahren hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen. Doch der Druck der US-Regierung auf seinen wirtschaftlich abhängigen Nachbarn, die Einwanderungszahlen in den Griff zu bekommen, hat auch hier für große Veränderungen gesorgt. Die Zahl der Asylanträge in Mexiko sind in diesem Jahr um knapp 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken. Das heißt aber nicht, dass weniger Menschen Schutz suchen. Vielmehr hat Mexikos Migrationsbehörde laut Beobachtern die Hürden für Anträge erhöht, vergibt weniger Termine und stellt kaum noch humanitäre Visa aus. Damit soll auch der Missbrauch des Asylstatus verhindert werden, den in den vergangenen Jahren viele Menschen genutzt haben, um ungehindert das Land in Richtung USA zu durchqueren.

Gleichzeitig wurden Kontrollen, etwa an Autobahnen, in Zügen oder Bussen mithilfe des Militärs intensiviert. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres verzeichnete Mexiko 712.226 Festnahmen von Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis – fast dreimal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Nur konnte das Land unmöglich so viele Menschen abschieben. Der Oberste Gerichtshof des Landes hat entschieden, dass Migranten nur 36 Stunden lang festgehalten werden dürfen – nicht genug Zeit, um eine Rückführung in ihre Heimatländer einzuleiten.

Wer also erwischt wird, findet sich schnell in einem Flugzeug oder Bus Richtung Süd-Mexiko wieder. Vier von zehn dieser Abschiebefahrten enden nach Angaben des privaten Nachrichtensenders Mexicanal, der sich auf Regierungsportale beruft, in Villahermosa. Allein zwischen Januar und April dieses Jahres betraf das demnach mehr als 20.000 Menschen. Doch wer keinen Ausweg aus Armut, Gewalt oder Verfolgung sieht als die Flucht, wird meist wieder in Richtung USA aufbrechen. Experten sprechen deshalb von El Carussell, dem Karussell.

„Ich werde es wieder versuchen“

In jenem Kreislauf aus Fliehen, aufgegriffen werden und es nochmal wagen, steckt auch Marta fest. Die 31-jährige Honduranerin sitzt im Flur der einzigen Asylunterkunft der Stadt auf einer Holzbank und lässt ihre pinkfarbenen Plastiksandalen über dem Boden baumeln. Schon zum dritten Mal ist sie in Villahermosa. Aufgehalten hat das die zweifache Mutter bisher nicht – und das werde es auch jetzt nicht. „Ich kann nicht zulassen, dass meine Kinder in Honduras aufwachsen müssen“, sagt sie. Weite Teile des zentralamerikanischen Landes werden von rivalisierenden Banden kontrolliert, die Kriminalitätsrate ist hoch. Schon wer durch eine „falsche“ Straße geht, riskiert sein Leben.

„Ich werde es wieder versuchen, aber das wird das letzte Mal sein“, sagt Martha und reibt sich ihr Knie, das sie sich bei ihrer Verhaftung in einem Zug nahe der mexikanischen Hauptstadt verletzt hat. Ihre Kinder hat sie bei Verwandten gelassen, zu gefährlich und beschwerlich sei der Weg, vor allem die Strecke, die durch Mexiko führt. Martha erzählt von machetenschwingenden Banditen, die Wegzölle kassieren und von prügelnden Sicherheitskräften, die Migranten Bestechungsgelder abpressen, damit sie sie nicht in den nächsten Rücktransport stecken. Ihre Kinder will sie nachholen, sobald sie es in die USA geschafft hat, wo zwei ihrer Schwestern leben.

„Was dort passiert, ist alle andere als nachhaltig. Trotzdem beendet es niemand“, sagt Andrew Selee gegenüber WELT. Er leitet das Migration Policy Institute in Washington, das auch die US-Regierung berät. Der Experte kritisiert, dass Migrationskontrolle auf diese Weise nach Mexiko ausgelagert werde. „Indem man Menschen diesem Kreislauf aussetzt, bringt man sie immer wieder in dieselbe Gefahr.“ Konsequente Abschiebungen in die Heimatländer seien aus rechtlicher und teilweise auch humanitärer Perspektive die bessere Option, glaubt Selee, der selbst jahrelang in der mexikanischen Grenzmetropole Tijuana südlich der Grenze zu Kalifornien gearbeitet hat und dort die Lebensrealität gestrandeter Migranten beobachtet hat. Das Ausmaß von Gewalt, Menschenhandel und Ausbeutung in der Stadt ist selbst für mexikanische Verhältnisse hoch.

In der größten Grenzmetropole Mexikos, die zugleich den westlichsten Punkt des Landes markiert, ragt im Strandviertel Playas ein Grenzwall direkt ins Meer hinein. Er soll illegale Einreisen in die USA verhindern und wurde in den vergangenen Jahren verstärkt. Trotzdem klettern selbst an diesem Abschnitt, an dem sich tagsüber Strandbesucher und Mauertouristen tummeln, immer wieder Menschen über den Zaun. Unterstützt werden sie von Schleppern, die mit Leitern, Seilen und Klettergurten anrücken, wie auf zahlreichen Videos im Internet zu sehen ist. Der Grenzabschnitt gilt unter vielen Migranten als der am sichersten und leichtesten zu durchquerende. Die US-Metropole San Diego auf der anderen Seite verzeichnet regelmäßig Rekordwerte illegaler Übertritte an der Südgrenze der USA.

Lydia, die eigentlich anders heißt und deren Name aus Sicherheitsgründen geändert wurde, wurde erst vor wenigen Tagen aus den USA nach Tijuana abgeschoben. Jetzt sitzt die junge Mexikanerin in einer Unterkunft für Migranten und erzählt schüchtern von der gescheiterten Flucht. Eingefädelt hatte diese ihre Mutter, die bereits in den USA lebt. Wie viel sie dafür bezahlt hat, weiß Lydia nicht. Gespräche mit abgeschobenen Migranten und mexikanischen Journalisten lassen auf Preise ab fünfhundert Dollar pro Person nur für die Überwindung des Grenzwalls schließen. Je weiter südlich der mexikanisch-amerikanischen Grenze die Reise beginnt, desto höher die Kosten.

Angeführt von Schleusern überquerte Lydia mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und ihrer Schätzung zufolge rund 200 weiteren Migranten die Grenze bei einem kleinen Ort nahe Tijuana. „Wir sind die ganze Nacht durch die Wüste gelaufen. Als die Sonne aufging, fiel uns auf, dass einige nicht mehr da waren“, sagt Lydia mit erstickter Stimme. Nach weiteren Stunden, in denen sie einer Bahntrasse gefolgt waren, trafen sie schließlich auf Grenzschutzbeamte.

Zurückweisungen an der Grenze

Was Lydia nicht wusste: Sie hatten es zwar auf amerikanisches Territorium geschafft, doch ihr Versuch war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Im Juni hatte Präsident Joe Biden per Dekret eine Regelung eingeführt, die Abschiebungen an der Grenze vereinfacht. Überschreitet die durchschnittliche Zahl von Migranten, die ohne Berechtigung die Grenze überqueren wollen, einen bestimmten Schwellenwert, können sie ohne die Möglichkeit, Asyl zu beantragen, zurückgeschickt werden.

Die Zahl der täglichen „migrant encounters“ – also der aufgegriffenen unberechtigt eingereisten Migranten – ist seit ihrer Einführung nicht annähernd lange genug unter jenen Wert gefallen, der die Regelung außer Kraft setzen könnte. Und das, obwohl die Zahl der versuchten illegalen Grenzübertritte nach US-Angaben seit Juni um mehr als 55 Prozent gesunken ist.

In der EU gilt das, was Präsident Biden öffentlichkeitswirksam zur Chefsache gemacht hat, in den meisten Ländern als Tabu. Einige Mitgliedstaaten, etwa Polen oder Griechenland, praktizieren solche illegalen „Pushbacks“ allerdings seit Jahren, wie diverse Medienberichte belegt haben. In den vergangenen Monaten hat sich die Debatte um die Rechtmäßigkeit von solchen Zurückweisungen auch in Europa intensiviert.

Ein weiterer Unterschied: In den USA können Asylanträge nur noch mithilfe der staatlichen App „CBP One“ gestellt werden. Lydia und immer mehr andere Menschen warten darauf, einen Termin zu ergattern, der ihnen die legale Einreise und einen Asylantrag in den USA ermöglicht. Doch die tägliche Zahl von 1450 Terminen ist gering im Vergleich zu den vielen Menschen, die in Mexiko warten. Während die US-Grenzbehörde davon spricht, dass zwei Drittel der Nutzer der App innerhalb von weniger als acht Wochen einen Termin erhielten, hat ein Großteil der von WELT befragten Migranten angegeben, bereits über drei Monate auf einen Termin zu warten. Leiter verschiedener Unterkünfte berichteten zudem von etlichen Fällen, bei denen die Wartezeit mehr als ein halbes Jahr beträgt.

„Dass Schutzsuchende nicht mehr an offiziellen Grenzübergängen Asyl beantragen können, treibt sie erst recht dazu, illegal in die USA einzureisen“, kritisiert die Anwältin Soraya Vazquez, die Migranten in Tijuana berät. Sie und andere Experten vor Ort verweisen zudem darauf, dass viele Migranten selten über geltende Regelungen informiert seien. Ihr Medienkonsum finde in sozialen Netzwerken statt, wo Schlepper und kriminelle Netzwerke oftmals Falschinformationen streuten, um von falschen Versprechungen finanziell zu profitieren, so die Anwältin. Auch sei der Registrierungsprozess über „CBP One“ komplex, sagt Vazquez, und erfordere die Nutzung relativ neuer Smartphones, die viele Menschen nicht besitzen.

Letztlich sind es aber nicht nur die Maßnahmen der US-Behörden und ihrer mexikanischen Pendants, die für sinkende Migrationszahlen sorgen. Die im Sommer neu gewählte Regierung Panamas etwa will jenen den Teil der Migrationsroute stärker kontrollieren, durch den nach offiziellen Angaben allein im vergangenen Jahr über eine halbe Million Menschen Richtung USA gereist sind.

Der gefährliche Darien-Dschungel zwischen Panama und Kolumbien ist eine der am stärksten frequentierten Routen für Migranten weltweit. Nach Angaben des panamaischen Sicherheitsministeriums lag die Zahl derer, die bis zum 7. Oktober das Gebiet durchquert haben, 36 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum. Zugleich zeigen die Daten einen starken Anstieg im September im Vergleich zum Vormonat. Analysten erwarten, dass sich wieder deutlich mehr Venezolaner auf den Weg machen, um Zuflucht in Amerika zu finden.

Dieser Text erschien am 24.10.2024 in DIE WELT