Der Darien-Gap ist eine der gefährlichsten Migrationsrouten der Welt – und die einzige Hoffnung für viele Migranten, die aus Südamerika gen Norden wollen. Nicht alle überleben den Pfad, auf dem kriminelle Banden rauben und vergewaltigen. Wer es schafft, ist traumatisiert.
Mehr als eine Woche lang ist Luis Quintana durch Matsch gewatet, hat reißende Flüsse überquert, Moskitoschwärme und tropische Hitze überstanden. Jetzt liegt er auf einem Feldbett und schreit auf vor Schmerz, als ihm eine Sanitäterin Alkohol über die zerschundenen Fußsohlen tropft.
Nachdem ein Verband angelegt ist, lässt er den Kopf zurück auf die Matte fallen und atmet durch. „Hätte ich geahnt, was auf mich zukommt, wäre ich nicht losgegangen“, sagt er durch den Schmerz. „Das ist es einfach nicht wert.“ Er hat sein Heimatland im Januar verlassen. „In Venezuela kann man nicht mehr leben, nur noch überleben“, sagt er. Die Versorgung sei schlecht, monatelang habe ihm sein Arbeitgeber keinen Lohn ausgezahlt. Er will in die USA, wo Venezolanern temporärer Schutz gewährt wird. Um dort ohne große Ersparnisse anzukommen, blieb ihm nur der Weg durch den Dschungel.
Die unzugängliche Urwaldregion ist die einzige Landverbindung zwischen Südamerika und dem Norden des Kontinents. Doch keine Straße führt hindurch. Die Planer der Panamericana, einer Straßenverbindung, die von Argentinien bis nach Alaska führt, hatten vor dem dichten Urwald kapituliert. Seitdem klafft dort eine 100 Kilometer lange Lücke, eine grüne Hölle namens Darién-Gap.
Der riskante Fußmarsch ist für viele Menschen der einzige Weg in Richtung eines besseren Lebens, ihres amerikanischen Traums. Mindestens 125.000 Migranten haben allein in diesem Jahr den Darién durchquert, mehr als im ganzen Jahrzehnt zuvor. Unter anderem die Folgen der Pandemie und die Hoffnung auf einen Politikwechsel in den USA treiben immer mehr Menschen in Richtung Norden. Doch nicht jeder schafft es durch den Dschungel – und wer herauskommt, ist häufig traumatisiert. Auf dem Weg lauern reißende Flüsse und extremes Klima, der Darién ist Lebensraum von Giftschlangen und Pumas. Am gefährlichsten ist aber der Mensch: Kriminelle Banden rauben, vergewaltigen und morden im tiefen Dschungel. Auf keiner Seite der Grenze schreitet das Militär ein, die Zone gilt als unkontrollierbar, sie ist praktisch rechtsfreier Raum.
Luis hat es nach acht Tagen Fußmarsch aus dem Dschungel herausgeschafft. Fast wäre er in einen reißenden Fluss gestürzt, berichtet er. Viele Menschen sind so bereits umgekommen. Vom Rand des Dschungels wurden er und andere Migranten in einem schmalen Motorboot stundenlang über den Fluss gefahren, bis zu einer kleinen Anlegestelle, dem Hafen von Puerto Limón. Von dort ging es in Militärtransportern der Grenzschutzbehörde in das Auffanglager San Vicente.
Luis ist erschöpft, trotz Medikamenten hat er Schmerzen, und die Erinnerungen an den Weg setzen ihm zu. „Man durchlebt im Wald Dinge, die man sich nie hätte vorstellen können“, sagt er. „Der Regen, der Matsch, die Anstrengung und ständige Schmerzen. Manchmal dachte ich, das hört nie auf, und habe nur noch geweint.“
Etwa drei Stunden flussaufwärts liegt Bajo Chiquito, zeitweise waren in dem einfachen Dorf jeden Tag Hunderte Migranten angekommen, direkt nachdem sie den Dschungel verlassen hatten. „Man konnte manchmal kaum noch laufen, so viele erschöpfte Menschen lagen überall“, berichtet Medizinerin Virginia Carreras von Ärzte ohne Grenzen. „Wir haben sie wochenlang von morgens bis spätabends versorgt.“ Seit fast drei Monaten arbeitet die Spanierin hier, behandelt von Marsch und Moskitos zerschundene Füße, verbindet Wunden und hört Geschichten von dem, was den Menschen im Dschungel widerfahren ist.
Neben häufigen Raubüberfallen registrierte die Organisation zwischen April und November fast 300 Fälle sexueller Gewalt. Die Zahl der tatsächlichen Opfer dürfte weitaus höher liegen. Oft geschehe beides gleichzeitig, als „geradezu systematisch“ beschreibt es Carreras.
Banden lauern den Migranten auf
Bewaffnete Banden wissen genau, auf welchen Pfaden die Migranten unterwegs sind. Da es so gut wie keine militärische Präsenz im Darién gibt, haben sie leichtes Spiel. „An manchen Tagen kamen bis zu 16 Frauen an, die auf dem Weg vergewaltigt wurden. Manche von ihnen sogar mehrmals“, berichtet sie. Für Verletzte und die Opfer von sexueller Gewalt können die Ärzte und Psychologen nur wenig tun. Die Organisation gibt ihnen Notfall-Kits mit einer Hepatitis-Impfung und Medikamenten, die eine HIV-Infektion verhindern können. Die meisten Menschen werden schon am nächsten Morgen in ein Aufnahmelager weitertransportiert, sofern sie die rund zehn Dollar für eine Fahrt bezahlen können.
Estefanía hat Glück gehabt. Ihre Schwester allerdings sei im Dschungel von vier Männern vergewaltigt worden. Das Verbrechen hätten diese auch noch auf Facebook gepostet, erzählt sie. Sie zuckt bei dem Gedanken zusammen. Mit einer kleinen Gruppe, zu der auch ihre drei Kinder gehören, hat die 31-jährige Venezolanerin den Dschungel durchquert. „Gott sei Dank hat uns niemand etwas angetan.“ Dass ihnen im Dschungel die letzten Ersparnisse geraubt wurden, scheint ihr im Vergleich zu den vielen anderen Gefahren eine Kleinigkeit. Migranten berichten von toten Müttern und Kindern, die halb verwest in ihren Zelten liegen oder am Wegesrand, Bilder von Ertrunkenen tauchen in sozialen Medien auf.
Bereits Anfang Oktober, noch bevor die Ankunftszahlen auf ihrem Höhepunkt angelangt waren, hatte die regionale Behörde für Rechtsmedizin von mehr als 50 Toten gesprochen. Auch hier gilt die Dunkelziffer als hoch. Wegen der Schreckensnachrichten schlagen die Migranten seit wenigen Wochen andere Routen ein. Sie wollen den gefährlichsten Abschnitt des Weges vermeiden, der in Bajo Chiquito endet. Dazu durchqueren die meisten den Dschungel weiter nördlich und verlassen ihn in der Gemeinde Canaan Membrillo. Die Berichte über Gewalttaten und sexuelle Gewalt sind seitdem stark zurückgegangen.
Militärtransporter rollen in das Camp von San Vicente, darin befinden sich über 300 Migranten aus Haiti, Kolumbien, Venezuela und anderen Ländern. Müde Gesichter steigen aus, Mütter reichen ihre Babys von der Ladefläche herunter an die Soldaten. Eine von ihnen ist Fabianna*. Sie reist mit einer Gruppe von Landsleuten und ihren drei Kindern, das jüngste wurde vor sieben Monaten in Brasilien geboren. Zwei Jahre hatte sie dort gelebt. Wegen der Pandemie gab es kaum noch Arbeit, ihr Mann machte sich davon, sie wurde zur Alleinversorgerin.
Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten für ihre Kinder machte Fabianna sich auf den Weg in den Norden, in die USA oder Kanada, das sei ihr ganz egal. „Ich hatte große Angst vor dem Dschungel“, sagt sie. Sie kennt Menschen, die dort verloren gingen und deren Verwandte vergeblich auf der anderen Seite warteten. Sie habe es geschafft, sei hier, alles andere will sie vergessen. Auf dem Boden sitzend, faltet sie Kinderkleidung und versucht sie in einen Rucksack zu stopfen, doch der Reißverschluss ist kaputt.
Wer es sich leisten kann, vermeidet den gefährlichen Dschungeltreck inzwischen ganz. Für 200 bis 300 Dollar fahren Boote von Kolumbien über den Pazifik an die Küste Panamas. Von dort aus führt eine deutlich kürzere und weniger gefährliche Route bis in die Provinzhauptstadt der Darién-Region. Auf ähnliche Weise könnten Migranten auch regulär die Lücke zwischen Kolumbien und Panama überwinden, doch die Verhandlungen über ein Abkommen stecken seit Monaten in einer Sackgasse. Auch jene, die den Darién überstehen und mit dem Bus an die Grenze zu Costa Rica gelangen, haben keine guten Aussichten auf eine legale Weiterreise. Zu Tausenden hängen sie seit Monaten wegen schleppender Asylverfahren an der Grenze fest.
Die Direktorin der panamaischen Migrationsbehörde hatte Mitte Dezember bekannt gegeben, das täglich nur noch zwischen 100 und 150 Neuankünfte registriert werden. Zahlen, die Hoffnung machen, die sich aber auch als trügerisch erweisen könnten. Die Behörde führt sie vor allem darauf zurück, dass die Menschen die Weihnachtszeit an einem festen Ort verbringen wollen. Mit ihren Familien und in Sicherheit.
Dieser Text erschien am 28.12.2021 in DIE WELT