Hunderttausende Migranten aus Süd-, Mittelamerika und der Karibik wollen nach Norden in ein besseres Leben. Mexiko wirkte für die USA bislang als Puffer, doch die Lage gerät außer Kontrolle. Unterwegs mit einer Karawane im tiefen Süden des Landes.

Gerade als die Sonne über Tapachula aufgeht, setzt sich die Karawane in Bewegung. Ganz vorn geht eine Reihe junger Männer mit Transparenten, hinter ihnen drängen sich rund zweieinhalbtausend weitere Migrantinnen und Migranten, viele halten Kinder an der Hand oder tragen Babys auf dem Arm. Die Menschen stammen vor allem aus Honduras und El Salvador, aus Haiti, Guatemala und Nicaragua. An diesem Samstag machen sie sich gemeinsam auf Richtung Norden, ihr Ziel ist die Hauptstadt Mexiko-City.

„Wir kommen in Frieden“ steht auf einem der Transparente, auf einem anderen: „AMLO hat gesagt, jeder sei willkommen“. Gemeint ist Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador, der bei seinem Amtsantritt Ende 2018 eine Politik der offenen Türen angekündigt hatte. Doch mit der Realität von Migranten in Mexiko hat das heute nichts zu tun. Auch Amtskollege Joe Biden, unter dem viele eine Liberalisierung der US-Migrationspolitik erwartet hatten, führt bislang das harte Grenz-Regime seines Vorgängers Donald Trump weiter. Was passieren kann, wenn Migrationspolitik in der großen Pufferzone zwischen Lateinamerika und den Vereinigten Staaten außer Kontrolle gerät, zeigt sich wohl nirgends so deutlich wie in Tapachula.

Mehr als 35.000 Migrantinnen und Migranten sitzen teilweise seit Monaten in der Stadt fest und warten auf eine Chance, in den Norden zu reisen. Um dies auf legalem Weg zu tun, brauchen sie allerdings die Hilfe der Mexikanischen Kommission für Flüchtlingshilfe (Comar). Die Behörde kann Dokumente ausstellen, um Abschiebungen zu verhindern, doch dem zunehmenden Ansturm ist sie nicht gewachsen, die nächsten Termine gibt es erst im Januar.

Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass dabei auch politisches Kalkül eine große Rolle spielt. Ohne die entsprechenden Papiere dürfen die Migranten Tapachula nämlich nicht verlassen. Versuchen sie es dennoch, droht ihnen die Abschiebung, direkt an der Grenze ausgesetzt zu werden, oder in der gefürchteten staatlichen Flüchtlingsunterkunft Siglo 21 (21. Jahrhundert) zu landen.

„Wir haben dort absolut nichts"

Ronni, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen möchte, ängstigt allein der Gedanke, wieder in die Stadt zurückkehren zu müssen. Der 23-Jährige aus Honduras läuft mit seiner Frau und ihren gemeinsamen zwei Kindern in der Karawane. Das jüngste kam erst vor vier Wochen im Krankenhaus von Tapachula zur Welt. „Wir haben dort absolut nichts, keine Perspektive und keine Sicherheit für unsere Kinder und uns selbst“, sagt er.

Er schiebt einen Kinderwagen am Rand des glühend heißen Asphalts einer Schnellstraße, die aus Tapachula hinausführt. Vor der Sonne schütz notdürftig ein Schirm, doch die schwülheißen 34 Grad, die schon am Vormittag herrschen, sind für Familien mit Kindern kaum zu ertragen. Nach wenigen Kilometern legen sie die erste Pause ein, an einem anderen Abschnitt der Schnellstraße erwarten bereits gut ausgerüstete Einsatzkräfte die Karawane.

Die Regierung will unter allen Umständen verhindern, dass die Migranten weit kommen, geschweige denn die Hauptstadt erreichen oder von dort aus weiter in Richtung USA reisen. Für viele in der Karawane ist Mexikos großer Nachbar weiterhin das letzte Ziel der Reise. Vor drei Jahren hatte ein Migrantentreck zahlreicher Lateinamerikaner weltweit für Aufsehen gesorgt. Tausende Menschen zogen von Honduras aus einmal quer durch Mexiko bis nach Tijuana an die US-Grenze. Der Versuch, die Grenze zu überrennen, scheiterte zwar. Die Vorfälle sorgten aber für Spannungen zwischen den USA und Mexiko.

Im September war es Tausenden von Haitianern gelungen, bis an die US-Grenze in Texas zu kommen. Bilder von berittenen US-Grenzschützern, die sie in einen Fluss zurücktrieben, sorgten weltweit für Entsetzen. Offiziellen Angaben zufolge wurden seit dem Amtsantritt von Präsident Biden im Januar 1,3 Millionen Migranten an der südlichen Grenze der USA aufgegriffen – eine Migrationswelle wie seit 20 Jahren nicht mehr. Auch Biden hat – selbst wenn er die Abschottung gegenüber Migranten gern auf ein Urteil des Supreme Court schiebt – ein Interesse daran, dass Mexiko hart durchgreift und niemanden bis an die Grenze ziehen lässt.

Einen erneuten Kontrollverlust will auch Präsident López Obrador mit aller Macht verhindern. Dafür soll vor allem die von ihm gegründete Nationalgarde sorgen, die immer wieder für schwere Übergriffe auf Migranten verantwortlich ist. Unter einer Brücke formieren sich die mit gepanzerten Uniformen und Schilden ausgestatteten Einheiten, unterstützt werden sie von Polizeikräften. In mehreren Reihen blockieren sie die Schnellstraße.

Auf sich gestellt und aufeinander angewiesen

Je näher die Karawane rückt, umso heftiger werden an ihrer Spitze Sprechchöre angestimmt. Die vorderen Reihen nehmen fast ausschließlich junge Männer ein, die, wenige Schritte von den Uniformierten entfernt, lossprinten und sich mit voller Kraft in die Schilde werfen, treten, schreien, schubsen. Schon nach wenigen Sekunden werden die zahlenmäßig weit unterlegenen Sicherheitskräfte zur Seite gedrückt, die Karawane strömt durch den freien Korridor unter der Brücke hindurch. Manche Migranten und Sicherheitskräfte fallen im Gedränge, ein Kleinkind wird leicht am Kopf verletzt.

Nach dem ersten Aufeinandertreffen spalten sich kleinere Gruppen ab, erschöpfte Familien rücken langsam nach, die Beamten lassen sie passieren. Es sei Teil der Taktik, mit solchen Zusammenstößen die Karawane nach und nach auseinanderzutreiben, sagt Luis Rey Villagrán von der Organisation Dignificación Humana. Er ist einer der Organisatoren der Karawane und hat zuvor schon zahlreiche andere begleitet.

Mit einem Megafon ausgerüstet appelliert er unermüdlich an die Migranten, aufeinander zu warten, Ruhe zu bewahren und nicht aggressiv gegenüber den Sicherheitskräften zu sein. „Das sind unsere größten Waffen“, sagt er. „Wenn wir zusammenbleiben und keinen Grund liefern, um zurückzuschlagen, dann haben wir die besten Chancen anzukommen“, so Villagrán. Er betont, dass besonders viele junge Familien mit Kindern Teil dieser Karawane sind, mehr als 70 Frauen seien schwanger.

Aus diesem Grund, und wegen der drückenden Hitze, dirigiert Villagrán die Karawane an der nächstgelegenen Abzweigung in eine kleine Gemeinde, die aber einen großen Park besitzt, in dem ein überdachter Sportplatz und Bäume den erschöpften Massen etwas Schatten spenden. Überall richten sich die Migranten behelfsmäßig ein, manche knoten einfache Hängematten zwischen die Äste. Die meisten liegen aber im Gras oder bleiben mangels Platz und Energiereserven auf den Gehsteigen, dösen oder machen sich bald auf die Suche nach dem Notwendigsten.

Vor Ort gibt es kaum Helfer, die Wasser und Essen verteilen, ob staatlich oder Nichtregierungsorganisationen – hier sind die Menschen auf sich gestellt und aufeinander angewiesen. Ans Umkehren denkt kaum jemand, eher an die einbrechende Dunkelheit und daran, dass die Sicherheitsbehörden in der Nacht versuchen könnten, die Menschen unfreiwillig zurück nach Tapachula zu bringen. Denn dort warten nur die Ungewissheit und eine verlorene Zukunft.

Dieser Text erschien in DIE WELT am 24.10.2021