Die schwedische Insel Gotland spielt eine Schlüsselrolle für die Verteidigung des Baltikums: Sie gilt als strategisch wichtigster Ort im gesamten Ostseeraum. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges rüstet Stockholm auf. Besuch einer Insel in Alarmbereitschaft.
Dag Svensson kniet in voller Kampfmontur auf dem Erdboden, auf seiner Schulter eine 12 Kilo schwere Panzerabwehrlenkwaffe, auch NLAW genannt, im Anschlag. Unter dem strengen Blick seines hünenhaften Kapitäns nimmt er das Ziel ins Visier – ein roter Laserpunkt im Zielfernrohr zeigt es ihm an – löst mit den Fingern der rechten Hand die Sicherung und drückt den Zündknopf.
Ein Rückstoß durch die Rakete bleibt heute aus, stattdessen dringt ein mechanisches Surren aus dem Gehäuse. Dags Kapitän ist zufrieden, Dag auch. „Ich könnte das Ding jederzeit im Feld abfeuern“, sagt er voll Zuversicht. Worauf er zielen würde, wenn der Übungs- zum Ernstfall würde, ist auch klar: „Wir trainieren hier, um auf die Russen zu treffen“.
Dag ist kompakt gebaut und trägt einen am Kinn geflochtenen Vollbart, er ist alleinerziehender Vater einer Tochter. Im normalen Leben lehrt er Viertklässler den Umgang mit Holz. Jetzt bringen ihm Berufssoldaten vom Festland bei, wie er im Angriffsfall als Teil einer schnellen Einsatztruppe die kritische Infrastruktur Gotlands schützt – und wie man gepanzerte Militärfahrzeuge in die Luft jagt. Denn obwohl weit über tausend Kilometer seine Heimat vom russischen Angriffskrieg in der Ukraine trennen, ist seit dem 24. Februar auf Gotland nicht mehr alles wie zuvor. Mit dem Beginn der Invasion wurde aus dem jahrzehntelang abstrakten Szenario, seine Heimat verteidigen zu müssen, eine mögliche Zukunft.
Im ganzen Land ist das nirgends so deutlich zu spüren wie auf der Ostsee-Insel Gotland, die wegen ihrer geografischen Lage wortwörtlich eine Schlüsselposition einnimmt. Würde sie in feindliche Hände fallen, wären die baltischen Staaten nahezu verloren, die nordischen Ostseeanrainer von der Hilfe durch die Nato über den Seeweg großteils abgeschnitten.
Dag und ein gutes Dutzend anderer Männer gehören zu einer wachsenden Gruppe von Freiwilligen, die eine Grundausbildung für die Verteidigung der Insel durchlaufen. Nicht nur sie werden immer mehr. Seit Kriegsausbruch in der Ukraine wurden die Verteidigungskapazitäten erweitert, die Regierung schnürte ein Finanzpaket von rund 150 Millionen Euro, um die Infrastruktur auf der Insel auszubauen, damit zukünftig deutlich mehr Soldatinnen und Soldaten hier versorgt und einsatzbereit gemacht werden können.
2014 vollzog Schweden die Wende
Gotland, das strategisch günstig in der Mitte der südlichen Ostsee liegt, hat im Laufe seiner Geschichte immer wieder ausländische Invasionen erlebt. Zuletzt 1808, als russische Truppen die Insel kurzzeitig besetzten. Nach dem Ende des Kalten Krieges hielt man das Risiko einer russischen Aggression aber für so gering, dass die Streitkräfte auf ein Minimum reduziert wurden. Stockholm richtete das Militär auf Friedensmissionen im Ausland aus, nicht mehr auf die Verteidigung seines eigenen Territoriums. Das Gotland-Regiment wurde 2005 im Zuge der Verkleinerung des Militärs geschlossen, sogar die Wehrpflicht schaffte Schweden ab.
Doch dann kam das Jahr 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte. Moskaus Völkerrechtsbruch führte auch in Schweden zu einem Umdenken. Die Regierung schickte Truppen und Panzer zurück nach Gotland, 2017 führte das skandinavische Land die Wehrpflicht wieder ein. Zwei Jahre später stationierte es ein modernisiertes Boden-Luft-Raketenabwehrsystem auf Gotland. Inzwischen sind mehrere Hundert schwedische Soldaten dauerhaft auf der Insel stationiert – und es gibt noch mehr Freiwillige, die auf der Insel zuhause sind und nun deutlich mehr Zeit auf den Militärübungsplätzen verbringen, um für den Ernstfall zu proben.
Dieses neue Bewusstsein und auch das Sondervermögen, das Stockholm für den Ausbau militärischer Infrastruktur auf Gotland bereitstellt, steht im Zeichen der immer realeren Bedrohung durch Moskau. „Es gibt eine Historie hybrider Angriffe auf Litauen und Polen und wir hören eine sehr brutale Sprache aus dem Kreml“ hatte Verteidigungsminister Peter Hultqvist zuvor gesagt – um seinerseits eine Ansage Richtung Moskau zu machen. „Wir wollen jetzt sehr deutlich machen, dass wir bereit sind, Schweden zu verteidigen. Und deshalb tun wir auch, was wir auf der Insel Gotland tun.“
Doch das schwedische Aufrüsten beschränkt sich längst nicht nur auf Gotland. Nach mehr als 200 Jahren militärischer Blockfreiheit hat sich das Land auch dazu entschieden, der Nato beizutreten. Ähnlich wie beim Nachbarland und Mitbewerber Finnland hatte sich die öffentliche Unterstützung für eine Mitgliedschaft zwei Jahrzehnte lang zwischen 20 und 30 Prozent bewegt, doch dann vollzog sich innerhalb weniger Monate ein beispielloser Meinungswechsel, auf den Stockholm reagieren musste.
Ein Beitritt zur Nato bedeutet für Schweden und Finnland einen erheblich besseren Schutz, umgekehrt sind die beiden Länder Wunschkandidaten des Bündnisses. Seit Langem investieren sie in Land-, See- und Luftstreitkräfte, die modern und gut ausgebildet sind. Während die rund 1200 Kilometer lange Landgrenze zwischen Finnland und Russland jedoch kaum zu sichern ist und nicht unmittelbar die Sicherheitslage im gesamten Ostseeraum bedroht, schauen sowohl Stockholm als auch das Verteidigungsbündnis nun ganz genau auf Gotland.
Denn die beliebteste Ferieninsel der Schweden ist weit mehr als Strandhäuschen und Schafweiden. Gotland, eingerahmt von den Ostseeküsten Schwedens und der Lettlands, liegt nicht weit entfernt von der russischen Exklave Kaliningrad, auf der Russland seit Jahren massiv aufrüstet und an deren Küste Moskaus baltische Flotte stationiert ist. Genau deshalb sei Gotland der Schlüssel zur Kontrolle des gesamten Baltikums, sagt der Oberkommandierende der Streitkräfte auf Gotland Magnus Frykvall bei einem Treffen im Garten eines Landhotels nahe der Militärbasis.
Hierher kommen die Soldatinnen und Soldaten, solange die Kantine des wachsenden Regiments gebaut wird. Frykvall, dessen kantiges Gesicht von dichtem rotem Bart eingerahmt wird, erklärt die Bedeutung seiner Insel für die Region: „Wenn Russland von Kaliningrad aus Gotland einnimmt und es mit modernen Boden-Luft- und Anti-Schiffs-Raketensystemen ausstattet, hätten es die angrenzen Länder extrem schwer, sowohl den Luftraum als auch die Meereswege im Ostseegebiet zu nutzen“. Und das, so der Kommandeur, wäre zugleich ein Problem für andere Nato-Staaten, wenn sie ihren attackierten Partnern in der Region zu Hilfe kommen wollten. „Die Verstärkung würde maßgeblich über den Seeweg erfolgen, doch auch solche Operationen wären dann kaum noch durchführbar“.
Wenn es Russland erst einmal gelingen sollte, die Insel zu besetzen, sei diese außerdem nur schwer zurückzuerobern – ein Umstand, der sowohl die große Schwachstelle als auch Stärke der Insel beschreibt. Um gut auf einen Angriff vorbereitet zu sein, brauche es nicht massenhaft Soldaten auf dem knapp 60.000 Einwohner zählenden Gotland, so der Oberbefehlshaber. Wichtig sei neben den wiederkehrenden Übungen mit internationalen Partnern wie den USA oder Großbritannien vor allem die richtige Strategie mit gut geschulten Soldaten – und natürlich schweres Kriegsgerät.
Mit einer Sondererlaubnis der Streitkräfte kann auf dem neuen Truppengelände, rund 20 Autominuten außerhalb der Inselhauptstadt Visby, einiges davon besichtigt werden. Unter dem Dach einer Fahrzeughalle reihen sich militärische Einsatzfahrzeuge aneinander, darunter eine verbesserte Version des deutschen Leopard 2-Panzers neben schwedischen Mörsern, die kaum ein Kratzer ziert. Nicht weit entfernt, in einer zum Übungsraum umfunktionierte Sporthalle verfeinern Dag und seine Kollegen ihre Treffsicherheit mit den Panzerabwehrwaffen.
„Wir müssen auf das Schlimmste vorbereitet sein“
Dag verbringt gleich mehrere Wochen am Stück auf der Militärbasis, um sich fortbilden zu lassen. Währenddessen vertritt ihn sein Vater als Handwerks-Lehrer in der Schule, Dags Mutter kümmert sich um seine Tochter. „Meine Familie, aber auch Freunde und Arbeitskollegen unterstützen mich rückhaltlos während ich hier bin, selbst wenn das für sie selbst einige Unannehmlichkeiten bedeutet.“
Dag hat sein ganzes Leben auf Gotland verbracht und berichtet vom Stimmungsumschwung auf der Insel. Selbst auf Gotland, auf dem die russische Bedrohung immer präsenter war als sonst wo im Land, habe es lange geteilte Meinungen zur Militärpräsenz gegeben, die nicht so recht zu der friedlichen Insel-Idylle passen will. „Seit dem Krieg ist das aber kein Thema mehr“, so Dag. „Alle wissen nun, dass wir auf das Schlimmste vorbereitet sein müssen“.
Das gilt auch für die kritische Infrastruktur und zivile Einrichtungen, die Freiwillige wie Dag im Ernstfall schützen sollen. Ähnlich wie im Nachbarland Finnland, das im Rahmen einer nationalen Strategie umfassend die Kooperation von Militär und zivilen Einrichtungen probt, will auch Schweden zurück zur „zivilen Bereitschaft“. Eine Anweisung aus Stockholm, entsprechende Pläne für die „Gesamtverteidigung“ der Insel zu entwickeln, wurde wenige Monate nach Beginn der russischen Invasion abgeschlossen. Laut den Streitkräften sollen so bald wie möglich die Übungen beginnen.
Dieser Text erschien am 18.07.2024 in DIE WELT