Der Chef des Cartel Jalisco Nueva Generacion, genannt „El Mencho“, wurde gestern von mexikanischen Sicherheitskräften getötet. Racheakte stürzen seitdem Teile des Landes ins Chaos. Wie die Menschen vor Ort das erleben – und was der Vorfall für Mexikos Kampf gegen die mächtigen Drogenkartelle bedeutet.

Die Videos verbreiten sich innerhalb von Minuten: eine Tankstelle in Guadalajara, die in einer riesigen Feuersäule aufgeht. Ein Supermarkt in Puerto Vallarta, dessen Scheiben bersten, während Männer mit Benzinkanistern sich davonmachen. Bilder aus einem Flughafenterminal in Guadalajara, in dem sich Hunderte Menschen drängen, in Panik ihre Koffer fallen lassen und schreien.

Eine Spezialeinheit des mexikanischen Militärs hatte Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, bekannt als „El Mencho“, kurz zuvor in der Kleinstadt Tapalpa im Bundesstaat Jalisco gestellt. Während des Lufttransports nach Mexiko-Stadt erlag er seinen Verletzungen.

»El Mencho« gründete das Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG) Anfang der 2010er-Jahre und baute es in weniger als zwei Jahrzehnten zu einer der brutalsten und schlagkräftigsten kriminellen Organisationen der Welt aus. Das FBI stuft das CJNG als Mexikos mächtigste Schmugglerorganisation ein und macht es für den Großteil des in die USA gelangenden Kokains, Heroins, Methamphetamins und Fentanyls verantwortlich.

Die Reaktion des Kartells auf den Tod seines Anführers erschüttert nun Mexiko: Ausgebrannte Autos blockierten Straßen an mehr als 250 Punkten in 20 mexikanischen Bundesstaaten, Rauchschwaden wehten über zahlreichen Städten. Die Flughäfen in Guadalajara und Puerto Vallarta wurden von Straßensperren lahmgelegt, Dutzende Flüge gestrichen.

Bei der Festnahme und anschließenden Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Verdächtigen seien mindestens 74 Menschen ums Leben gekommen, sagte Sicherheitsminister Omar García Harfuch am Montag. Darunter seien auch 25 Beamte der Nationalgarde.

Die US-Botschaft forderte US-Staatsbürger in den betroffenen Bundesstaaten auf, sich bis auf Weiteres in Sicherheit zu begeben und ihre Bewegungen einzuschränken. Am schlimmsten traf es den Bundesstaat Jalisco, das Machtzentrum des CJNG-Territoriums. Dort rief der Gouverneur den landesweiten „Código Rojo“ aus, die höchste Alarmstufe, und forderte die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben.

Puerto Vallarta in Jalisco, einer der beliebtesten Küstenorte Mexikos, versinkt im Chaos. Der 46-jährige Unternehmer Eduardo Aguilar erlebte die dramatischen Stunden vom Balkon seines Hauses aus: „Überall stieg schwarzer und weißer Rauch auf. An einer nahegelegenen Kreuzung sah ich, wie sich Dutzende bewaffnete Sicarios (Drogenkartell-Angehörige oder Auftragsmörder, Anm. d. Red.) sammelten – sehr junge Männer, zwischen 15 und 20 Jahren.“ Er habe kaum glauben können, was er vor sich sah. „Doch plötzlich waren sie da, überall in der Stadt – und mir wurde klar, wie viele Leute wirklich für das Kartell arbeiten.“

Nicht nur Bewaffnete seien auf die Straße gezogen, auch Menschen mit Benzinkanistern, darunter seine Nachbarn. Stundenlang habe er keine einzige Polizeisirene gehört, so Aguilar. „Mittags, als der Kiosk an der nächsten Ecke angezündet wurde, kam eine Patrouille – und fuhr direkt weiter, sie ließen die Leute einfach machen.“ Erst am Nachmittag seien Militärfahrzeuge und Kampfhubschrauber aufgetaucht. „Heute wurde klar: Die haben gewonnen und der Staat macht nichts. Ich würde am liebsten meine Sachen packen und mit meiner Familie verschwinden.“ Aguilar ist sich sicher: „Die Stadt wird nicht mehr dieselbe sein, so viele Existenzen sind zerstört.“

Die Angst ist überall in Mexiko

In Guadalajara, der Hauptstadt von Jalisco, herrschen ähnliche Zustände. Winston Gomez (38), der in einem Hotel der Stadt arbeitet, berichtet: „Die Straßen waren völlig leergefegt, man hörte Explosionen und sah Rauchschwaden aus allen Richtungen über die Häuser ziehen. Ich traute mich nur einmal kurz vor die Tür – der Anblick war gespenstisch.“ Einer seiner Freunde sei während der Unruhen bei einer Totenwache gewesen, als bewaffnete Kartellangehörige die Aufbahrungshalle gestürmt hätten, erzählt Gomez. Sie hätten dann die Türen verriegelt und die Anwesenden stundenlang festgehalten, bevor sie ohne Erklärung abgezogen seien.

Die Gewalt blieb nicht auf das Epizentrum Jalisco beschränkt. Auch in den angrenzenden Bundesstaaten Michoacán und Tamaulipas kam es zu Blockaden und Bränden. Die 25-jährige Tessa Sanchez, die in Morelia lebt und sich wegen einer Geschäftsreise für ein paar Tage in Mexiko-Stadt aufhält, berichtet von einer Nachricht ihrer Mutter. Diese habe ihr geschrieben: „Komm nicht zurück!“ Die Autobahnen seien von Kartell-Leuten mit Bussen und brennenden Autos blockiert worden, alle Schulen und Läden seien geschlossen.

Die 33-jährige Isabel Bernal, deren Familie in der Hafenstadt Tampico in Tamaulipas lebt, weiß, was auf solche Bilder folgen kann: „Die Nachrichten rufen schlimme Erinnerungen wach.“ Sie besuchte noch die Schule, als sich verfeindete Kartelle in ihrem Heimatort um Territorium stritten, erzählt sie. Sie erinnert sich an menschliche Überreste auf den Straßen, Ausgangssperren, entführte Mitschüler. „Was ich jetzt wahrnehme, ist eine kollektive Angst, die sich ausbreitet. Wenn Gewalt so eskaliert, ist die emotionale Auswirkung enorm. Am meisten leiden darunter am Ende die Zivilisten.“

„El Mencho“ hat keinen offiziellen Nachfolger

Welche Folgen „El Menchos“ Tod für die Macht der Kartelle hat, ist unter Experten umstritten. Das CJNG gilt als besonders dezentral organisiert und militarisiert – eine Konstellation, die darauf abzielt, den Verlust einer Führungsfigur zu überstehen. Es gibt keinen offensichtlichen Nachfolger: „El Menchos“ Sohn, sein Bruder und seine Tochter sitzen alle in Haft. Nun könnten regionale Anführer des Kartells um die Macht kämpfen, ähnlich wie nach der Verhaftung des Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán, die einen andauernden Konflikt innerhalb des Sinaloa-Kartells auslöste.

Cecilia Farfán, Leiterin des Nordamerika-Programms der Global Initiative Against Transnational Organized Crime, warnt: „Wenn die Ereignisse in Sinaloa nach der Festnahme von Zambada ein Hinweis sind, sollten wir nun nicht nur wegen interner Kämpfe besorgt sein, sondern auch wegen möglicher Vergeltungsakte gegen den Staat, der seinerseits gezwungen sein wird, sein Gewaltniveau zu erhöhen.“

„El Menchos“ Tod ist auch im Kontext des anhaltenden Drucks von US-Präsident Trump auf Mexiko zu sehen. Seine Regierung hatte bereits im Februar 2025 das CJNG als ausländische Terrororganisation eingestuft und Mexiko seither massiv unter Druck gesetzt, im Kampf gegen Kartelle und Fentanyl-Schmuggel stärker zu kooperieren. Für Hinweise zur Ergreifung „El Menchos“ hatte die US-Botschaft 15 Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt.

Das mexikanische Verteidigungsministerium bestätigte, dass die Operation mit nachrichtendienstlicher Unterstützung aus den USA durchgeführt wurde. Ein deutliches Signal, dass Präsidentin Claudia Sheinbaum eine kooperativere Gangart gegenüber Washington eingeschlagen hat als ihr Vorgänger. „Die Sheinbaum-Administration pflegt eine andere Form der Zusammenarbeit mit der US-Regierung – sie ist offener für Kooperation und führt Maßnahmen durch, die auch für Washington nachvollziehbar sind“, urteilt Farfán.

US-Vizeaußenminister Christopher Landau bezeichnete „El Menchos“ Tod als bedeutende Entwicklung für Mexiko, die USA und die Welt. Für Sheinbaum ist die Operation innenpolitisch ein wichtiger Erfolg – auch wenn die brennenden Straßen des Landes zeigen, dass der Preis dafür zunächst von der Zivilbevölkerung gezahlt wird.

Die Namen der Gesprächspartner wurden aus Sicherheitsgründen geändert. Sie sind der Redaktion bekannt, entsprechende Nachrichtenverläufe sind dokumentiert.

Dieser Artikel erschien bei t-online.de am 23.02.2026