

Als erstes Land der Welt führte El Salvador den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel ein. Präsident Bukele will sein Land in ein internationales Krypto-Paradies verwandeln, in dem Gewalt, Hunger und Armut der Vergangenheit angehören. Ein riskantes Experiment.
Luis Díaz steht auf der Spitze des Conchagua-Vulkans, schaut hinunter auf das dichte Blätterdach und wundert sich. Wie soll hier, in diesem unwegsamen Gelände auf 1200 Metern, das Silicon Valley der Kryptowährungen entstehen? Díaz ist selbst ein Mann mit Visionen. Innerhalb weniger Jahre hat er hier mit seinem Vater einen Aussichtsturm in den Hang gebaut, ein Restaurant, eine große Holzterrasse mit atemberaubendem Blick über das Länderdreieck von El Salvador, Honduras und Nicaragua.
Doch was sein Präsident Nayib Bukele vor wenigen Wochen angekündigt hat, scheint ihm allzu fantastisch: Eine Hightech-Stadt in Form einer Bitcoin-Münze soll irgendwo am Fuße des Vulkans entstehen; ein milliardenschweres Bauprojekt, das das Schicksal des armen, von Korruption und Gewalt gezeichneten Landes zum Guten wenden soll. Es ist die nächste Phase von Bukeles Plan, sein Land in ein internationales Krypto-Mekka zu verwandeln. Im September führte El Salvador als erstes Land der Welt den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel ein. Zuvor hatte der Präsident bereits verkündet, man wolle für das energieintensive Schürfen der Kryptowährung die Erdenergie von Vulkanen nutzen. Zum Abschluss seiner Werbewoche präsentierte Bukele zuletzt den Plan für die „Bitcoin-City“ in der Region La Unión. Sie soll mit neuen Bitcoin-Anleihen finanziert werden, auch die Energie des nahegelegenen Conchagua wolle man nutzen.
Díaz‘ Familie lebt seit Generationen in der Gemeinde La Unión am Fuße des Vulkans, er kennt den Berg und seine Umgebung genau. „Der letzte Ausbruch ist Tausende Jahre her, außer ein paar heißen Schwefelquellen an der Küste gibt es gar nichts. Wie soll ein inaktiver Vulkan eine Stadt mit Energie versorgen?“, fragt er ungläubig.
Internationale Finanzexperten und politische Beobachter suchen derweil Antworten auf die Frage, ob Bukeles Bitcoin-Vision mehr der eigenen PR als seinem Land dient – und ob der selbst ernannte „CEO“ von El Salvador je wird einlösen können, was er verspricht. Der 2019 gewählte Bukele hat für sich das Image eines hippen Tech-Influencers entworfen, er tritt mit umgedrehter Baseballmütze und College-Jacke auf. Auf Twitter zeigt sich der 40-Jährige mal als animierter Avatar oder auch mit Laserstrahlen-Blick, dem Kennzeichen der internationalen Krypto-Community. Seinen Bürgerinnen und Bürgern verkauft er die Krypto-Transition als Ausweg aus der Armut; diese ist der Hauptgrund dafür, dass seit Jahrzehnten massenhaft Menschen das 6,5-Millionen-Einwohner-Land in Richtung USA verlassen.
„Das erste gelungene Bitcoin-Experiment der Welt“
Einige Autostunden von La Unión entfernt, paddeln Touristen aus Europa und den USA auf ihren Surfbrettern hinaus in den Pazifik. Früher war El Zonte ein Geheimtipp, heute wird der Küstenort als Teil des „Bitcoin-Beach“ mit Internetkampagnen und großflächigen Bannern am Hauptstadtflughafen beworben. Nicht nur Wellenreiter kommen nun zu Besuch, sondern auch Bitcoin-Fans aus aller Welt. Sie wollen sehen, wie sich ein von einfachen Hütten und staubigen Straßen durchzogenes Dorf zur ersten funktionierenden Kryptowirtschaft der Welt entwickelt hat.
Roman Martínez ist Mitte 20. Seitdem die Kryptowährung das Schicksal seines Dorfs verändert hat und auch sein eigenes, ist er ständig unterwegs, betreut neue Sozialprojekte – oder gibt Interviews. „El Zonte ist das erste gelungene Bitcoin-Experiment der Welt“, sagt er stolz und zeigt wie zum Beweis auf das frisch renovierte Gebäude hinter sich. Nebenan schultern Bauarbeiter Zementsäcke in Richtung eines schicken Neubaus auf, sie tragen Shirts mit aufgedrucktem Bitcoin-Symbol.
Begonnen hatte das Musterprojekt mit einem Amerikaner, der Sozialprojekte in El Zonte unterstützt. Im Jahr 2019 soll ein anonymer Spender ihm angeboten haben, sein Bitcoin-Vermögen an El Zonte zu spenden, um eine lokale, auf der Kryptowährung basierende Wirtschaft aufzubauen – zum Wohle der Bewohner. So jedenfalls lautet die offizielle Version. Eine andere besagt, dass ein Bitcoin-Investor aus den USA mit der Wahl des Geschäftsmanns Bukele eine Chance witterte und investierte, um den Bitcoin-Hype in El Salvador ins Rollen zu bringen – und später davon zu profitieren.
El Zonte jedenfalls ergriff die Chance. Lange bevor der Bitcoin neben dem Dollar zum offiziellen Zahlungsmittel wurde, stand hier der erste Bitcoin-Automat El Salvadors. Immer mehr Menschen begannen Dollar in Bitcoin umzutauschen, das Guthaben wurde in einer digitalen Geldbörse gespeichert und per App an Cafés, Hotels und Geschäfte überwiesen, die neben der Landeswährung auch Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren.
Die Aufmerksamkeit für die Initiative zieht heute Immobilieninvestoren an die Küste, teure Resorts bringen mehr Touristen und Geld. Es war auch der Erfolg von Martínez und seinem Dorf, der Bukele zur nationalen Einführung des Bitcoins bewegte. Am 7. September stand die digitale Geldbörse Chivo zum Download bereit, sie funktioniert nach demselben Prinzip wie zuvor das Bitcoin-Wallet in El Zonte. 200 Chivo-Automaten wurden im Land aufgestellt, an denen die Nutzer Bitcoin kaufen oder in Bargeld umtauschen konnten. Alle Salvadorianer erhielten 30 Dollar Startguthaben. Wenn sie die App installieren, können sie das Geld bar abheben oder als Bitcoin-Guthaben verwenden.
Doch der Start des Projekts verlief holprig: Bitcoin-Automaten versagten den Dienst, die App stürzte immer wieder ab, durch eine Schwachstelle in der Software stahlen Kriminelle die Identitäten Hunderter Salvadorianer und kassierten deren Startguthaben. Obwohl der Präsident seit seiner Wahl Zustimmungswerte von über 90 Prozent einfährt, steht die Mehrheit der Bürger der neuen Währung laut Umfragen zumindest skeptisch gegenüber. Immer wieder kommt es in der Hauptstadt San Salvador zu Demonstrationen dagegen. Im November gingen Tausende gegen die Einführung des Bitcoins auf die Straße und brannten einen Automaten ab.
„Die Wahrheit ist, dass vom Bitcoin nur diejenigen wirklich profitieren, die schon Geld haben“, sagt Karla*, die die Filiale einer großen Kaffeehauskette in einem Shoppingcenter leitet. Sie selbst benutze die Chivo-App zwar regelmäßig im Supermarkt oder für Überweisungen, doch „die einfachen Leute“ hätten weder die finanzielle Sicherheit, um Kurseinbrüche zu riskieren, noch verstünden sie, wie die digitale Geldbörse funktioniert. „Es fehlt an Aufklärung“, sagt sie. „Viele Menschen wissen überhaupt nicht, wie man ein Konto führt.“ Tatsächlich hat nur ein Drittel der Salvadorianer ein eigenes Bankkonto, Überweisungen kennen die meisten nur in Form von Diensten wie Western Union.
Rund 1,4 Millionen Salvadorianer leben inzwischen in den USA. Das Geld, dass sie ihren Familien abzüglich hoher Transaktionsgebühren in die Heimat schicken, macht rund 24 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts aus, abzüglich hoher Transaktionsgebühren. Bukele setzt in seiner PR-Kampagne auch auf den Ärger der Menschen über die hohen Kosten. Damit jedoch riskiert der Präsident mehr, als sein Land mit dem Systemwechsel gewinnen kann. „Bukele verwettet fast ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts direkt aus dem Geldbeutel seiner Landsleute“, sagt Christopher Sabatini, Leiter des Lateinamerika-Referats des Londoner Thinktanks Chatham House gegenüber WELT. Obwohl sich der Wert des Bitcoins allein im vergangenen Jahr vervielfacht hat, schwankt der Kurs stark und gilt unter Finanzexperten als unberechenbar.
Das hindert Bukele aber nicht am Planen seiner Krypto-Metropolis. In Rechenzentren sollen neue Bitcoins erzeugt werden, die Regierung werde die Infrastruktur zur Verfügung stellen; private Investoren sollen Büros, Einkaufszentren und Wohnungen errichten, so der Präsident. In der geplanten Sonderwirtschaftszone sollen außer der Mehrwertsteuer keine Steuern erhoben werden. Die Weltbank hatte Bukeles Anfrage nach einem Milliardenkredit für den Aufbau der Infrastruktur allerdings abgelehnt, der Internationale Währungsfonds unter anderem auf Umweltbedenken und Fragen der Transparenz verwiesen.
Ein Risiko, das auch Experte Sabatini betont. „Bukele-Verbündete und hohe Beamte werden mit Korruptionsaffären in Verbindung gebracht“, sagt er. „Darunter auch solche, die nun für die Einführung des Bitcoins verantwortlich sind.“
Auch in La Unión hält sich das Vertrauen in die neue Währung in Grenzen. Im Stadtzentrum steht ein Bitcoin-Automat, der neben einem schönen Pavillon im Kolonialstil seltsam deplatziert wirkt. Laut Wachpersonal wird der Automat kaum benutzt. Wer in Supermärkten und Geschäften nachfragt, erfährt, dass zwar viele ihre 30 Dollar Startguthaben für Einkäufe genutzt haben, seitdem aber nur wenige Menschen den Bitcoin im Alltag verwenden.
Präsident Bukele hält an seiner Linie fest, zuletzt twitterte er, weitere Bitcoins im Wert von rund 7,5 Millionen Dollar gekauft zu haben. Selbst seinen größten Kritikern ist eines klar: Sollte der Bitcoin sich langfristig etablieren und der Kurs noch weiter steigen, könnte der große Plan des Präsidenten am Ende doch mehr als eine Fantasterei werden.
*Die Gesprächspartnerin ist der Redaktion mit Namen bekannt, möchte aber anonym bleiben.
Dieser Artikel erschien in DIE WELT am 24.12.2021